Fachbegriffe leicht verständlich: Klassische Konditionierung

Willkommen zu einer weiteren Artikelserie auf meinem Blog. Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben werden wir ständig mit Fachbegriffen konfrontiert. Jeder Themenbereich besitzt sein eigenes Vokabular. Warum sollte es uns Hundehaltern in dieser Hinsicht anders ergehen? Spätestens in der ersten Theoriestunde in der Hundeschule wird deutlich, dass ohne einen gewissen Fachjargon nichts geht.

In meiner neuen Artikelserie Fachbegriffe leicht verständlich nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen Ausdrücke rund um das Zusammenleben mit Hunden vor. Ich werde versuchen, diese ohne Umschweife zu erklären und auf Fremdwörter weitgehend zu verzichten, damit auch der Hunde-Anfänger nachvollziehen kann, was hinter dem jeweiligen Begriff steckt. Auf diese Weise wird eine kleine Datenbank, ähnlich eines Lexikons auf meinem Blog entstehen.

Heute geht es um eine der grundlegenden Lernformen – die klassische Konditionierung.

Klassische KonditionierungKlassische Konditionierung – Was ist das?

Die klassische Konditionierung bezeichnet das Aneignen von Reiz-Reaktions-Mustern durch Lernen. Dabei wird ein unbedeutender Reiz mit einem Impuls gekoppelt, der einen Reflex auslöst. Nach erfolgreicher Verknüpfung, die durch Wiederholung stattfindet, löst der bis dahin unbedeutende Reiz diesen Reflex aus.
Das klingt zunächst sehr theoretisch. Deshalb möchte ich diesen Vorgang an einem Beispiel verdeutlichen, das du sicher kennst.

Die Türglocke ertönt und der Hund bellt. Das ist doch völlig normal, wirst du vermutlich sagen. Du hast Recht. Aber schauen wir uns einmal gemeinsam an, was hier geschehen ist:
Der Klang der Türglocke ist zunächst für den Hund unbedeutend. Doch immer wenn es klingelt, steht jemand vor der Tür. Bellen ist ein Reflex, der ausgelöst wird, wenn ein Fremder in das Territorium des Hundes eindringt. Durch die Wiederholung (immer wenn die Glocke erklingt, ist jemand da, der nicht hierher gehört), lernt der Hund: Klingeln = Bellen.

Genau diese Verknüpfung hat auch bei Rica stattgefunden. Wir haben zuhause so eine Standard-Dingdong-Klingel, die man häufig auch im Radio oder Fernsehen hören kann. Du ahnst vielleicht schon, was bei uns gelegentlich passiert. Erst vor kurzem haben wir uns einen Spielfilm angesehen, in dem – zu unserem Leidwesen – mehrere Klingelszenen vorkamen. Die Filmglocke hörte sich genauso an wie unsere. Rica ging ab wie ein Flitzbogen. Zum Glück war es ein aufgezeichneter Film. So konnten wir die Stopp-Taste drücken und warten, bis Rica sich wieder beruhigt hatte.

Wir werden über kurz oder lang wohl eine neue Türklingel installieren müssen, um diesem Phänomen entgegenzuwirken…

Iwan Pawlow und die Futterglocke

Begründet wurde die klassische Konditionierung durch den russischen Mediziner und Wissenschaftler Iwan Pawlow (1849 – 1936). Pawlow erforschte Verdauungssysteme und bemerkte bei seinen Versuchshunden, dass der Speichelfluss nicht erst beim Anblick des Futters, sondern schon kurz zuvor einsetzte. Er ließ daraufhin zeitgleich zur Fütterung einen Glockenton erklingen. Nach einigen Wiederholungen konnte er beobachten, dass der Speichelfluss mit der Wahrnehmung der Glocke einsetzte. Pawlow baute daraufhin seine Forschungen an diesem Geschehen weiter aus.

Klassische Konditionierung im Hundealltag

Verstehen Hunde die menschliche Sprache? Einige Hundehalter würden diese Frage bestimmt mit Ja beantworten und hätten dafür sicher schlüssige Argumente. Meine Antwort darauf lautet Nein.

Wenn der Hund sich auf ein Sitz hinsetzt, hat er dies durch klassische Konditionierung gelernt. Genauso gut könnte ich meinem Hund anstatt des Sitz das Wort Nudelsuppe beibringen, und er würde sich setzen. Wenn der Hund auf das Wort ausgehen zur Tür rennt, wurde dies durch die wiederholten, auf das Wort folgenden Abläufe konditioniert.

Ich trainiere meine Hunde mit dem Clicker und über Markersignale. Auch diese habe ich klassisch konditioniert, bevor ich sie im Training einsetzen konnte.

Da hier unbewusstes Handeln mit im Spiel ist, passiert klassische Konditionierung leider auch dort, wo wir Hundehalter gut und gern darauf verzichten könnten. Wie war das noch gleich mit dem Postboten? Bereits wenn bei uns das gelbe Auto in die Straße einbiegt, hört man von sämtlichen Grundstücken Hundegebell. Ich habe einmal im Training eine echte „Meisterleistung“ vollbracht, die aber leicht passieren kann: Durch Fehler meinerseits hat Bobby nicht das Wortsignal mit der Übung verknüpft, sondern meinen Griff zum Futterbeutel. Fein gemacht Frauchen!

Weiterhin spielt die klassische Konditionierung bei der Arbeit an Verhaltensproblemen eine wichtige Rolle. Bei Angst oder Aggression versucht man im Rahmen der Verhaltenstherapie eine erfolgte Verknüpfung zu überlagern und z. B. einen gefürchteten Gegenstand oder ein beängstigendes Geräusch positiv zu belegen. Dieser Vorgang wird als Gegenkonditionierung bezeichnet.

Gedanken zum Schluss

„Wir arbeiten ohne Konditionierung“. Diesen Satz habe ich tatsächlich schon auf Internetseiten von Hundeschulen gelesen – und nur noch mit dem Kopf geschüttelt. Entweder hat der Verfasser dieses Satzes etwas Grundlegendes nicht verstanden oder er verfolgt eine geschickte, wenn auch in meinen Augen unfaire Marketingstrategie.
Der klassischen Konditionierung kann sich niemand entziehen, auch nicht wir Menschen. Es läuft ein bestimmtes Lied im Radio, und du denkst sofort an Sommer, Sonne Strand? – Klassische Konditionierung. Wenn ich den Geruch von Pfefferminztee wahrnehme, denke ich an Krankheit und mir wird unwohl. – Klassische Konditionierung. All dies passiert tagtäglich. Es geschieht nicht nur bei unseren Hunden, sondern auch bei uns selbst. Ich frage mich daher ernsthaft: Wenn jemand behauptet, er würde im Training nicht konditionieren, was tut er dann? Die Natur lässt sich nun mal nicht abschalten!

Wie ist es bei deinem Hund? Gibt es Verknüpfungen, die unbeabsichtigt oder ungewollt entstanden sind? Wie hast du ggf. gegengesteuert? Verrate es mir gern in einem Kommentar.

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5 Kommentare zu „Fachbegriffe leicht verständlich: Klassische Konditionierung“

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  3. Bei uns heißt heimkommen immer, es gibt eine kleine Kaustange. Immer. Die darf nicht fehlen. Die fordert Paolo ein. Das haben wir „mal“ gemacht und schon war’s gelernt. Wir machen es immer noch so. Da muss ich nicht gegensteuern. Oder, ich geh zum Regal, hol mir meine Zigaretten und Paolo guckt, sieht das und geht zur Terrassentür. Er weiß genau, dass ich (und er natürlich auch) jetzt in den Garten gehe. Muss ich auch nicht gegensteuern. Das passt schon so bei uns! Sicher gibt es auch noch anderes, aber da muss ich erstmal genau aufpassen.

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