„Fass mich nicht an!“ Hunde mit Berührungsangst Teil 1

Hund lässt sich nicht anfassen

Den Hund zu streicheln, mit ihm zu kuscheln, für die meisten von uns selbstverständlich. Ich musste jedoch lernen, dass dies alles andere als selbstverständlich ist. Bei mir lebte fast 9 Jahre lang ein Hund, der sich in der ersten Zeit nicht anfassen ließ. Nach etwa 2 Jahren mit Bobby an unserer Seite schrieb ich die erste Version dieses Artikels, in dem ich über das Thema Berührungsangst bei Hunden informierte und über meine Arbeit mit Bobby berichtete.

Inzwischen bin ich Tierpsychologin und Hundetrainerin. Ich arbeite mit Kund:innen, deren Hunde die gleiche Herausforderung mitbringen wie Bobby damals. In dieser Zeit sind einige neue Erkenntnisse hinzugekommen. Daher habe ich mich entschlossen, diesen Blogartikel grundlegend zu überarbeiten.

Da es insgesamt sehr viel Lesestoff ist, habe ich mich dafür entschieden, zwei Artikel daraus zu machen. In diesem, ersten Teil schauen wir uns an, was man unter Berührungsangst versteht, welche Ursachen es gibt und welche Herausforderungen auf betroffene Hundehalter:innen zukommen. Außerdem berichte ich über meine Erfahrungen mit Bobby.

Im zweiten Teil geht es dann an das Training und welche Managementmaßnahmen sinnvoll sind, damit keine Gefahr für dich und/oder die Umwelt durch den Hund verursacht wird. Diesen veröffentliche ich in zwei Wochen.

Dein Hund lässt sich nicht anfassen – Das solltest du wissen

Was versteht man unter Berührungsangst

Berührungsangst bedeutet, dass ein Hund versucht, das Anfassen durch einen Menschen nach Möglichkeit zu vermeiden. Sie zeigt sich in unterschiedlichen Facetten: Während der eine Hund beim Versuch, ihn zu streicheln, nach hinten oder zur Seite weggeht, eventuell noch begleitet durch Winseln, schnappt oder beißt der andere sofort, sobald ihn die Hand nur ansatzweise berührt. Beiden Verhaltensweisen liegt Angst zugrunde.

Ursachen für Berührungsangst

Wenn ein Hund sich nicht oder nur ungern anfassen lässt, kann das viele Gründe haben. Nachstehend sind einige davon aufgeführt:

  • Schlechte Erfahrungen: Ein Hund, der misshandelt wurde oder anderweitig negative Erlebnisse mit Menschen hatte, kann sein ganzes weiteres Leben Probleme damit haben, berührt zu werden.
  • Mangelnde Sozialisierung: Der Welpe hat in seiner Sozialisierungsphase nichts oder nur wenig mit Menschen zu tun gehabt.
  • Schmerzen: Lässt sich der Hund plötzlich nicht mehr anfassen oder findet Berührungen an bestimmten Körperstellen unangenehm, sind sehr wahrscheinlich Schmerzen die Ursache. Ich rate dir in diesem Fall einen Tierarzt oder eine Tierärztin aufzusuchen.
  • Aversives Training und körperliche Gewalt: Man mag es kaum glauben, aber es gibt sie noch immer, die Anhänger von Teletakt und Stachelhalsbändern und diejenigen, die zur Bestrafung auf den Rücken schlagen, an den Ohren ziehen, in die Seite kneifen usw. Hier bedarf es wohl keiner weiteren Erklärung, warum ein auf diese Weise „trainierter“ Hund sich nicht (mehr) anfassen lässt.
  • Es gibt auch Hunde, die von ihrer Persönlichkeit her nicht die Kuschelfanatiker sind. Hier sprechen wir dann aber nichr von Berührungsangst.

Was macht das mit dem Menschen?

Sind wir mal ehrlich: die meisten von uns haben doch einen Hund in ihr Leben geholt, weil sie ihn auch mal streicheln und mit ihm kuscheln möchten. Doch wenn der auserwählte Hund beim Versuch ihn zu streicheln in die Luft schnappt, ist das für den Menschen erst mal enttäuschend. Gedanken wie: „Was soll ich denn mit einem Hund anfangen, den ich nicht anfassen kann“ oder „Ich will ihn doch nichts Böses“, sind da nur allzu verständlich. Ich habe auch schon Menschen im Training gehabt, die sich selbst dafür die Schuld gaben, dass der Hund sich nicht berühren lässt.

Wenn der Hund sich beim Versuch ihn zu streicheln zurückzieht oder gar seine Zähne einsetzt, macht das etwas mit dem Menschen. Wichtig ist, dass du das Verhalten deines Hundes nicht auf dich beziehst, sondern dir überlegst, wie du mit der Berührungsangst deines Hundes umgehst. Ich kann dir an dieser Stelle mitgeben: Erstens, du bist mit diesem Problem nicht allein und zweitens, es gibt Hilfe.

Alltag und Leben mit einem „Rühr-mich-nicht an”

Die täglichen Herausforderungen

Probleme im Zusammenleben zwischen Hund und Mensch gibt es viele. Sie sind meist mit mehr oder weniger starken Einschränkungen der Lebensqualität der betroffenen Halter:innen verbunden. Hast du einen Hund zu Hause, der sich nicht oder nur ungern anfassen lässt, stehst du vor ganz besonderen Herausforderungen. Nachfolgend zähle ich einige davon auf:

  • Es beginnt schon mit dem Anziehen von Halsband oder Geschirr. Manchmal hat man Glück und diese wurden bei Einzug des Hundes bereits von einem Tierheim-Mitarbeiter angelegt. Doch zum Gassigehen muss auch noch die Leine daran befestigt werden.
  • Pflegemaßnahmen wie kämmen oder bürsten, Zecken entfernen oder einfach nur die Haut und das Fell kontrollieren werden für Hund und Halter:in zur Qual, wenn das Tier sich nicht anfassen lässt und sich wehrt.
  • Tierarztbesuche müssen manchmal sein. Besonders anstrengend sind diese, wenn der Hund das Festhalten und die Untersuchungen durch fremde Menschen nicht zulässt.
  • Man muss auch sehr konzentriert sein, wenn man sich mit dem Hund in der Öffentlichkeit aufhält. Wie ich kürzlich erst wieder selbst erleben musste, gibt es leider viele Menschen, die die Kontrolle über ihre Hände verlieren, sobald sie einen Hund sehen und diesen ungefragt betatschen.
  • Und zu guter Letzt gehört das Streicheln und Kuscheln mit dem einfach zu einem Leben mit Hund dazu. So zumindest meine Meinung.

Doch was tun bei all den Schwierigkeiten? Ändere deine Einstellung. Nimm die Dinge, die nun vor dir liegen als Aufgabe an. Das ist kein Prozess, der von heute auf Morgen geschieht. Aber diese Herangehensweise wird es dir erleichtern, mit deinen Herausforderungen umzugehen.

So baust du Vertrauen auf

Genau wie in einer menschlichen Beziehung muss zunächst erst einmal Vertrauen auf beiden Seiten aufgebaut werden. Dabei gilt es, einen Mittelweg zu finden. Das bedeutet: Einerseits ist es wichtig, die Kontaktaufnahme zum Hund immer wieder zu versuchen. Andererseits tust du dir keinen Gefallen, wenn du den Hund überforderst oder sogar zwingst, Berührungen auszuhalten.

Ruhe und Geduld sind im Umgang mit dem Hund das oberste Gebot. Sprich deinen Hund immer wieder ruhig und freundlich an. Animiere ihn, zu dir zu kommen. Strecke immer mal wieder die Hand zu ihm aus und schau, wie er darauf reagiert. Beziehe ihn in deinen und den Alltag deiner Familie mit ein. So lernt er mit der Zeit, dass er dazu gehört. Vertrauen ist wie eine Pflanze, die langsam wächst und gedeiht.

Die Übung „Ich bin’s“

Viele Hunde haben schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht oder die Interaktion mit Menschen gar nicht erst kennengelernt. Die nachfolgende Übung soll dem Hund dabei helfen, sich an den Menschen zu gewöhnen und zu lernen: Wenn der Mensch kommt, passiert etwas Gutes. Einem Hund, der Menschen positiv verknüpft hat, wird es später leichter fallen, sich berühren zu lassen.

Die Übung kannst du sehr gut in deinen Alltag einfließen lassen. Alles was du benötigst, sind ein paar Leckerchen. Ich beschreibe dir im Folgenden zwei Varianten:

Variante 1

Du und dein Hund, ihr befindet euch in getrennten Räumen

  1. Du betrittst den Raum und gehst in die Nähe deines Hundes, jedoch nicht zu dicht an ihn heran. Dabei verhältst du dich ruhig.
  2. Du kündigst ihm an, dass du da bist. Nenne dazu dein Signal, z. B. „Ich bin’s”, „Hallo“ oder was immer du verwenden möchtest.
  3. Wirf nun deinem Hund das Futterstück zu.
  4. Verlasse den Raum wieder.

Variante 2

Du befindest dich mit deinem Hund im selben Raum.

  1. Du bewegst dich in die Nähe deines Hundes
  2. Du nennst dein Ankündigungswort (siehe oben).
  3. Du entfernst dich wieder von deinem Hund und gehst deinen eigenen Dingen nach.

Bobby – Ein Hund mit Vergangenheit

Ich habe in der Einleitung erwähnt, dass ich fast 9 Jahre lang mit einem berührungsängstlichen Hund mein Leben verbracht habe. In so langer zeit sammelt sich natürlich einiges an Erfahrungen an. In diesem Abschnitt gebe ich dir eine Zusammenfassung von unserem Leben mit Bobby und seiner Berührungsangst.

Das erste Kennenlernen

Das erste Kennenlernen fand auf dem Gelände des Tierheims in einem Hundeauslauf statt, in dem nur mein Mann und ich, unsere Hündin Rica und Bobby waren. Bereits hier zeigte sich seine Scheu vor Menschen und, dass er mit uns eigentlich nichts zu tun haben wollte. Mir gelang es schließlich, mich ihm anzunähern. Doch beim Versuch, ihn zu streicheln, schnappte er in die Luft. Das war eine deutliche Ansage!

Doch wer mich kennt weiß, dass ich nicht so schnell aufgebe. So gelang es mir schließlich, dass sich Bobby von mir leicht berühren ließ und dass er diese Berührungen sogar gar nicht schlecht fand.

Unser Leben mit Bobby

Bobby zog zwei Wochen später bei uns ein. Er packte nach und nach seinen Rucksack aus. Die Berührungsangst war dabei die größte Herausforderung für uns. Streicheln durfte nur ich ihn. Wollte mein Mann ihn berühren, schnappte er sofort. Mein Mann trug in dieser Zeit so manche Verletzung davon.

Uns war klar, dass sich dieser Zustand nur durch langfristiges kontinuierliches Arbeiten verbessern würde. Wir gestalteten den Umgang mit Bobby so, dass er viele Erfolgserlebnisse und ein gutes Lebensgefühl hatte. Insbsondere ich übte immer wieder das Anfassen mit ihm – in Mini-Schritten….

Bobby gewann dadurch immer mehr an Selbstvertrauen. Er baute nach und nach seine Berührungsängste ab und suchte nach einer Weile von sich aus den Körperkontakt zu uns beiden.

Allerdings ließ Bobby Berührungen nur von uns zu. Fremde Menschen durften ihn nicht anfassen. Das sollte auch für den Rest seines Lebens so bleiben. Ich erinnere mich noch an unseren ersten Tierarztbesuch, ein halbes Jahr nach Bobbys Einzug. Es war für mich der Horror, da auch unsere damalige Tierärztin mit dem Hund ein wenig überfordert schien.

Ganz überwunden hat Bobby seine Berührungsangst nie. Sie verstärkte sich im letzten halben Jahr seines Lebens sogar wieder, was aber mit ziemlicher Sicherheit seinem hohen Alter geschuldet war. Vermutlich hatte er Demenz und hat uns zeitweise nicht mehr erkannt.

Der zweite Teil des Artikels wird sich mit dem Training und Managementmaßnahmen beschäftigen. All die Dinge, die ich mit Bobby trainiert habe werde ich im Nachfolgeartikel beschreiben. Hier nur eine kurze zusammenfassung meiner Arbeit mit Bobby:

  • Gewöhnung an einen Maulkorb
  • Stärkung des Wohlbefindens im Alltag
  • Aufbau eines Markersignals
  • Aufbau einer positiven Verknüpfung mit der menschlichen Hand
  • Übung passives Anfassen
  • Übung aktives Anfassen

Schlusswort

Wenn ein Hund sich nicht anfassen lässt, braucht man sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen im Alltag und im Training. Doch dies macht sich irgendwann bezahlt. Noch heute sehe ich Bobby, wie er bei seinem Einzug war und ich sehe Bobby wie er sich entwickelt hat. Die viele Arbeit, die ich in ihn investiert habe, hat sich mehr als gelohnt. Auch wenn es im Alter wieder Rückschläge gab. Ich liebte diesen Hund so sehr und vermisse ihn noch heute, ein halbes Jahr nach seinem Tod wahnsinnig. 🙁

Schreibe einen Kommentar: Hast du auch einen Hund, der sich nicht gern anfassen ließ oder immer noch lässt? Wie gehst du damit um?

Rund um das Leben mit Hund