Reaktivität war für mich lange ein Begriff aus Ausbildung, Fachliteratur und Seminaren. Ein Thema, das man kennt, einordnet, theoretisch versteht. Irgendwann legt man die Lernunterlagen wieder beiseite und geht in den eigenen Hundealltag, der sich oft ganz anders anfühlt.
Seit August 2024 lebt Paul bei uns. Paul ist eine Deutsche Bracke aus dem Tierschutz. Er ist isoliert aufgewachsen und durfte seine Umwelt kaum kennenlernen. Geräusche, Bewegungen, andere Hunde, all das war für ihn lange kein Teil eines normalen Hundelebens. Mit Paul ist Reaktivität keine Theorie mehr, sondern Realität in meinem Alltag.
Und damit bin ich eine von Vielen. Reaktivität kann die Beziehung zwischen Hund und Mensch stark beeinflussen. Sie fordert den Hund, sie fordert den Menschen und manchmal auch das Umfeld. Spaziergänge, die eigentlich entspannt sein sollten, werden zu einer echten Zerreißprobe. Begegnungen, die andere kaum wahrnehmen, werden zu großen Herausforderungen.
In diesem Artikel möchte ich Reaktivität verständlich für dich einordnen. Was ist Reaktivität eigentlich und was ist sie nicht? Welche Ursachen kann sie haben? Warum ist sie für viele Hundehalter:innen im Alltag so herausfordernd? Und wie lässt sich der Umgang mit einem reaktiven Hund gestalten, ohne Druck und ohne den Anspruch, alles sofort lösen zu müssen? Dabei teile ich auch meine Erfahrungen mit Paul, als Einblick und zur Verdeutlichung.
Was ist Reaktivität?
Reaktivität beschreibt eine übermäßig starke Reaktion auf Reize, die objektiv betrachtet eher banal sind. Dazu gehören zum Beispiel Geräusche, Gerüche, Bewegungen oder andere Hunde. Der Reiz an sich ist nicht gefährlich, doch der Hund reagiert, als wäre er es.
Typische Ausdrucksformen von Reaktivität sind starkes Bellen und oder Jaulen, ein hoher Bewegungsdrang, hektisches Hin- und Herrennen, sich in die Leine werfen oder wildes Herumspringen. Für Außenstehende wirkt das oft dramatisch, manchmal auch erschreckend.
Wichtig ist eine klare Abgrenzung. Reaktivität ist keine Aggression. Auch wenn das Verhalten manchmal ähnlich aussehen kann, liegt die Ursache woanders. Ein reaktiver Hund möchte in der Regel nicht angreifen, sondern ist überfordert, unsicher oder stark gestresst. Sein Verhalten ist Ausdruck eines inneren Zustands, nicht eines bösen Willens.
Mögliche Ursachen für Reaktivität
Reaktivität hat meist eine längere Vorgeschichte. Häufig liegen die Ursachen bereits in der Welpen- und Junghundezeit. Dazu gehört mangelnde oder fehlende Sozialisierung, besonders in sensiblen Entwicklungsphasen. Hunde, die unter sehr eingeschränkten Bedingungen aufgewachsen sind, etwa in Isolation, Dunkelheit und mit nur wenigen Umweltreizen, konnten wichtige Lernerfahrungen nicht machen.
Fehlen diese Erfahrungen, kann der Hund Reize später nicht einordnen. Alles ist neu, alles ist zu viel, alles kommt gleichzeitig. Reaktivität ist dann oft ein Ausdruck von Überforderung, Unsicherheit oder Stress.
An dieser Stelle ist mir eines wichtig. Es geht nicht um Schuldzuweisung. Weder an den Hund noch an den Menschen. Reaktivität ist kein Zeichen von Versagen, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Hund Unterstützung braucht, um in unserer doch sehr lauten, bunten und hektischen Welt besser zurechtzukommen.
Training und Beschäftigung
Wenn es um Reaktivität geht, wird schnell nach Lösungen gesucht. Nach Methoden, Trainingsplänen oder schnellen Erfolgen. Dieser Abschnitt ist bewusst anders gedacht. Es geht hier um Haltung und Grundprinzipien, nicht um eine Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Training mit reaktiven Hunden ist oft ein langer Weg, besonders bei Hunden mit wenig bis gar keinen Umwelt-Erfahrungen. Arbeiten mit positiver Verstärkung spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch der Einsatz eines Markersignals erweist sich als sehr hilfreich, wenn es darum geht, dem Hund zu zeigen, was gewünschtes Verhalten in herausfordernden Situationen ist.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist der Aufbau und die Förderung von Entspannung. Ein strukturierter, vorhersehbarer Alltag gibt vielen reaktiven Hunden Sicherheit. Kurze, ruhige Spaziergänge, die langsam gesteigert werden, sind oft hilfreicher als lange Runden voller unterschiedlicher Reize.
Auch bei der Beschäftigung gilt, weniger ist oft mehr. Ruhige Aktivitäten wie Suchspiele, einfache Schnüffelaufgaben oder das 10-Leckerli-Spiel können helfen, den Hund sinnvoll auszulasten, ohne ihn zusätzlich hochzufahren.
Absolut unangebracht, nicht nur im Umgang mit dem Hund generell, sondern insbesondere bei Reaktivität, sind aversive Maßnahmen. Sie machen die Situation nur schlimmer und nehmen dem Hund die Möglichkeit, sich bei seinen Menschen sicher zu fühlen.
Oft unterschätzt, aber gerade bei reaktiven Hunden enorm wichtig, ist es, sich und den Hund richtig abzusichern. Bewährte Hilfsmittel sind hier ein Sicherheitsgeschirr mit zwei Bauchgurten für den Hund und ein Bauchgurt für den Menschen, an dem die Leine befestigt wird. Allein schon die Gewissheit, der Hund kann sich nicht aus dem Geschirr befreien und dem Menschen kann die Leine nicht aus der Hand fallen, sorgt für ein ruhigeres Gefühl.
Meine Erfahrungen mit Paul
Paul ist eine Deutsche Bracke und somit ein Jagdhund. Jagdhund und Reaktivität sind für sich allein betrachtet schon Herausforderung genug. In Kombination von beidem ist das noch einmal eine Schippe drauf. Trotz seines Alters von etwa sechs Jahren hatte Paul kaum etwas von seiner Umwelt kennenlernen dürfen, bevor er zu uns kam.
Typische Reaktionen im Alltag sind starkes Ausrasten bei Hundesichtung, häufiges Hinziehen, teilweise Verbellen, besonders bei unerwarteten Begegnungen oder bestimmten Hundetypen. Auch auf andere Reize reagiert Paul deutlich. Lärmende Kinder, Vögel oder plötzlich auftretende Geräusche wie etwa Fehlzündungen bringen ihn schnell aus dem Gleichgewicht.
Im Alltag mit Paul hat sich gezeigt, wie wichtig vorausschauendes Handeln ist. Auslöser frühzeitig erkennen, Abstand halten, Situationen ruhig gestalten. Wenn Paul andere Hunde sieht und sich noch ruhig verhält, markieren wir das ruhige Anschauen und belohnen dieses Verhalten. In kleinen Schritten, immer wieder, so geht es Stück für Stück voran.
Ein weiterer Baustein ist der Aufbau von Alternativverhalten. Statt in die Leine zu springen, lernt Paul zum Beispiel, seine Nase an meine Hand zu stupsen. Das gibt ihm eine Aufgabe und mir die Möglichkeit, ihn zu unterstützen, bevor die Situation kippt.
All das ist kein Patentrezept. Es ist unser Weg, angepasst an Paul, an seinen Hintergrund und an unsere Möglichkeiten.

Schlusswort
Reaktivität lässt sich mit gut strukturiertem Training und einem passenden Rahmen positiv beeinflussen. Ein reaktiver Hund braucht nicht automatisch mehr Action oder mehr Auslastung. Schon gar nicht braucht er Druck und Strafe. Oft sind Ruhe, Struktur und Verständnis wichtiger als Bewegung und Beschäftigung.
Reaktivität ist kein Zeichen von schlechtem Verhalten. Sie ist ein Zeichen von Überforderung. Und Überforderung lässt sich ernst nehmen, begleiten und Schritt für Schritt verändern.
Ja, es ist eine Herausforderung. Und ja, es gibt Tage, an denen es anstrengend ist. Aber es ist machbar. Mit Geduld, mit einem klaren Blick auf den Hund und mit der Bereitschaft, den eigenen Anspruch an Perfektion loszulassen. Manchmal hilft dabei auch ein bisschen Humor, besonders dann, wenn man merkt, dass man nicht allein ist.