positive Verstärkung
April 28, 2021
Bettina
Heute melde ich mich aus einer langen Blogpause zurück. Ich habe zwischenzeitlich diese Seite umgestellt und biete nun auch Hundetraining an. Wenn du öfter hier vorbeischaust, weißt du sicher, dass ich mit Hunden über positive Verstärkung arbeite. Da bietet es sich geradezu an, diesem Thema zum Restart meines Blogs einen eigenen Artikel zu widmen. Noch immer geistern über positive Verstärkung viele Unwahrheiten und Vorurteile durch die Hundewelt. Mit diesem Artikel möchte ich ein wenig zur Aufklärung beitragen und möglichst vielen Hundehaltern ans Herz legen, mit ihrem Hund über positive Verstärkung zu arbeiten.
positive Verstärkung

Was ist positive Verstärkung?

Die positive Verstärkung ist ein Element aus der operanten Konditionierung und bedeutet, dass auf ein gezeigtes Verhalten eine angenehme Konsequenz folgt. Verhalten wird somit verstärkt und tritt häufiger auf.

Der Begriff „positiv“ bezieht sich dabei auf das Hinzufügen einer Konsequenz im Sinne von Addieren. Mit der Begriffsdefinition von positiv des allgemeinen Sprachgebrauchs als „gut“ hat das nichts zu tun. 

Warum sollte ich positive Verstärkung ein Training anwenden?

Erinnere dich doch mal an deine Schul-, Ausbildungs- oder Unizeit zurück. Du hattest sicher ganz unterschiedliche Lehrer: Solche, die dich motiviert haben, die den Lern­stoff so vermitteln konnten, dass es Spaß machte, sich damit zu beschäftigen. Aber es gab auch diejenigen, die langweilige Vorträge hielten, die bei Fehlern ungeduldig wurden oder bei denen es die eine oder andere Fünf hagelte. Bei welcher Kategorie Lehrer war der Lernerfolg der Schüler wohl größer?

Dieses Beispiel kannst du eins zu eins auf das Zusammenleben mit deinem Hund übertragen, denn für ihn bist du der Lehrer oder die Lehrerin. Auch dein Hund lernt viel lieber, wenn er häufig gelobt wird, die eine oder andere Belohnung bekommt und
du das, was er lernen soll, auf eine für ihn verständliche Weise vermittelst. Umgekehrt wird schnell Frust aufkommen, wenn du immer nur auf seine Fehler reagierst, aber richtiges Verhalten als selbstverständlich ansiehst und unkommentiert lässt.

Ist ausschließlich positive Verstärkung überhaupt möglich?

Um es ganz klar und deutlich zu sagen: Nein, ausschließlich positive Verstärkung ist nicht möglich. Wenn der Hund beispielsweise eine Übung nicht ausführt und ich ihm seine Belohnung vorenthalte, bin ich bereits im Bereich der negativen Bestrafung. Die nachstehende Infografik soll dir einen Überblick über die Lernformen der Operanden Konditionierung verschaffen.
operante Konditionierung
An dieser Stelle komme ich jedoch schon mit dem großen ABER um die Ecke. Wir Menschen haben es in der Hand, die Trainingssituation so zu gestalten, dass der Hund möglichst viele Erfolgserlebnisse hat und somit häufig belohnt wird. In der Praxis können wir hier an verschiedenen Stellschrauben drehen. Einige Beispiele:

  •  Neue Übungen werden zunächst unter minimaler Ablenkung trainiert
  •  Komplexe Übungen werden in kleine Bestandteile zerlegt
  •  Nicht erst das Endergebnis wird belohnt, sondern auch Etappenziele.
  • Es wird nicht erst gewartet, bis der Hund einen Fehler macht. 

Mein Hund tut nichts, was ich belohnen kann …

Nein, ich behaupte das Gegenteil, und das, obwohl ich dich und deinen Hund nicht kenne. 🙂
Wenn du so denkst, sind deine Erwartungen an deinen Hund zu hoch. Du nimmst klei­ne Dinge, die in eurem Alltag gut laufen nicht wahr oder siehst sie als selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Die meisten Dinge, die wir von unseren Hunden erwarten, machen aus ihrer Sicht nämlich schlichtweg keinen Sinn! Ein Hund weiß nicht, warum er am Wegesrand „Sitz" machen soll. Tut er es trotzdem, machst du nichts falsch, wenn du ihn dafür lobst.

Ich empfehle dir, deinen Hund im Alltag mal genau zu beobachten. Ich Wette mit dir, dass er sich zu 90 % des Tages richtig verhält. Genug Gelegenheit für die eine oder andere Belohnung.

Was tun, wenn der Hund einen Fehler macht?

Fehler sind in unserer Gesellschaft immer erst mal negativ behaftet. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir unseren Umgang mit Fehlern grundlegend überdenken sollten. Welche Bedeutung hat es, wenn etwas schiefgeht? In erster Linie erhalten wir eine Information, die uns zum Hinterfragen veranlassen sollte, verbunden mit der Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen.
Bezogen auf dich wird deinen Hund bedeutet das: Macht dein Hund bei einer Übung einen Fehler, dann gehe im Kopf die gesamte Trainingssituation noch einmal durch. Wolltest du vielleicht zu viel in zu kurzer Zeit? War dein Hund abgelenkt. Wie war deine Körpersprache in diesem Moment? Ein Fehler ist also immer ein Hinweis darauf, dass du dein Training hinterfragen und ggf. verändern solltest.

Vielleicht brennt dir nun diese eine Frage auf der Seele: 


Wie reagiere ich in dem Moment, in dem die Übung falsch ausgeführt wird? Ich kann meinen Hund ja nicht für den Fehler belohnen? 


Löse die Situation auf und beginne die Übung von vorn. Bleibe dabei ruhig und gehe ggf. im Training einen Schritt zurück.

Kann ich an unerwünschtem Verhalten mit positiver Verstärkung trainieren?

Ja, auf jeden Fall! Wie ich zu Punkt 3 schon geschrieben habe, musst du nur die Situation verändern und möglichst handeln, bevor das unerwünschte Verhalten auftritt. Dazu ein Beispiel:

Du weißt, dass dein Hund ausrastet, wenn er angeleint ist und euch ein anderer Mensch mit seinem Hund entgegenkommt. Belohne deinen Hund sofort, wenn er den anderen Hund bemerkt hat, aber noch ruhig ist. Das machst du ggf. mehrmals hintereinander. Noch bevor ihr auf gleicher Höhe seid, nimmst du deinen Hund auf die Seite, die dem anderen Hund abgewandt ist.
Vergrößere den Abstand, indem du zur Seite gehst, wenn das möglich ist. Konnte dein Hund nun, ohne zu pöbeln, an dem anderen Hund vorbeigehen, hat er eine Höchstleistung vollbracht, die auch entsprechend gewürdigt werden sollte.

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal meine Podcastfolge erwähnen, in der ich mich ausführlich mit unerwünschtem Verhalten beschäftigt haben.

Bei aggressiven Verhalten kann man mit positiver Verstärkung nichts ausrichten 

Das ist ein fataler Irrglaube! Gerade, wenn ein Hund aggressives Verhalten – in welcher Form auch immer – zeigt, sollte man keine Strafe anwenden, denn dadurch wird alles nur noch schlim­mer!
Für Aggressionen gibt es, genau wie bei Angst, einen Auslöser. Dieser muss zunächst im Rahmen einer gründlichen Analyse gefunden und dann in kleinen Schritten mit positivem Training daran gearbeitet werden.

Wie kann jedoch Training über positive Verstärkung bei aggressivem Verhalten aussehen? Lass mich dir ein Beispiel geben:
Der Hund reagiert aggressiv auf Männer. Nähert sich ihm ein fremder Mann und spricht ihn an, knurrt er und zeigt körpersprachlich Drohgebärden.
Anstatt hier mit dem Hund zu schimpfen oder gar körperliche Bestrafungen einzusetzen, sollte hier mit einer Kombination aus Desensibilisierung mid Gegenkonditionierung gearbeitet werden. Man beginnt das Training mit einem für den Hund erträglichen Abstand zum Auslöser (Mann). Es wird belohnt, wenn er sich ruhig verhält. In solchen Fällen kann man im Übrigen auch Abstand als Belohnung einsetzen. Belohnung bedeutet eben nicht immer nur Futter.

So arbeitet man sich in kleinen Schritten immer näher an den Auslöser heran. Die Belohnung für richtiges Verhalten sorgt dabei für positive Emotionen, und der Hund wird mit fortschreitendem Training die Situation anders bewerten.

Als zweiter Schritt und ein Alternativverhalten trainiert. In diesen Fall kann es z. B. sein, anstatt zu knurren und zu bellen, ein Spielzeug durch die Gegend zu tragen.

Bitte beachte, dass es sich hier lediglich um ein Beispiel handelt. Zeigt ein Hund aggressives Verhalten, muss eine individuelle Lösung erarbeitet werden. Gerade bei Aggressionsproblemen gibt es noch immer Trainer, die auf körperliche Maßregelung setzen. Aber ich bin der Meinung das darf nicht sein und mein Beispiel soll zeigen, dass es auch anders geht.

Schlusswort

Nun ist der Artikel doch viel länger geworden, als ursprünglich beabsichtigt. Aber mir ist wichtig, das Wissen über die positive Verstärkung möglichst vielen Hundehaltern zugänglich zu machen und zu verdeutlichen, dass Training über Strafe wird Machtausübung endgültig Schnee von gestern ist.

Welche Erfahrungen hast du mit den verschiedenen Arten des Hundetrainings gemacht? Verrate es mit gern in einem Kommentar. 

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