Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, die ich in dieser Form noch nicht hatte.
Ein Tierschutzverein kontaktierte mich über WhatsApp und fragte, ob ich einen Hund hier in meiner Stadt einschätzen könnte. Der Hund sollte neu vermittelt werden, und der Verein wollte vorab möglichst viel über sein Verhalten und seinen Trainingsstand erfahren.
Ich nenne den Hund in diesem Artikel Milo. Seinen echten Namen habe ich zum Schutz der Familie geändert.
Mein erster Gedanke war tatsächlich: Kann ich das überhaupt leisten?
Dabei ging es nicht darum, dass ich mir eine fachliche Einschätzung nicht zutraute. Im Gegenteil. Mir war sofort die große Verantwortung bewusst, die ich mit dieser Aufgabe übernehmen würde, auch wenn es am Ende nur eine Momentaufnahme sein kann. Der Gedanke, dass das, was ich in den Bearbeitungsbogen hineinschreibe, entscheidend dazu beitragen könnte, zu welchen Menschen der Hund vermittelt wird, verschaffte mir zunächst großen Respekt.
Also wollte ich erst einmal genau wissen, was der Verein von mir erwartete, um es mit den Rahmenbedingungen meiner Hundeschule abzugleichen und dann zu entscheiden, ob ich dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden konnte.
Die Anfrage und meine Vorbereitung
Erst einmal klären: Was kann ich anbieten?
Die Anfrage des Vereins war zunächst recht offen formuliert. Deshalb musste ich für mich erst einmal klären, wie eine solche Einschätzung unter meinen Bedingungen überhaupt aussehen konnte.
Ich habe eine kleine, nebenberufliche Hundeschule. Ich habe weder einen eigenen Hundeplatz noch ein Team, mit dem ich bestimmte Situationen für eine Einschätzung gezielt herstellen könnte. Und genau das wollte ich auch gar nicht versuchen. Ich wollte nur das beurteilen, was ich unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich beobachten konnte.
Deshalb schlug ich dem Verein einen Besuch im bisherigen Zuhause des Hundes vor. Dort wollte ich mit seinen Menschen sprechen, Milo in seiner gewohnten Umgebung beobachten und mit ihm eine kleine Runde spazieren gehen. Zusätzlich würde ich selbst Kontakt mit ihm aufnehmen und ein paar einfache Dinge üben.
Für den Verein war dieser Rahmen vollkommen in Ordnung. Damit war für mich die wichtigste Grundlage geschaffen: Ich wusste, was von mir erwartet wurde und ebenso, wo die organisatorischen Grenzen meiner Einschätzung lagen.
Aus Unsicherheit wird Vorfreude
Nachdem der Rahmen geklärt war, bekam ich die Kontaktdaten des Hundehalters und vereinbarte mit ihm telefonisch einen Termin.
Ab diesem Moment überwog bei mir ziemlich schnell die Neugier. Ich freute mich auf die neue Aufgabe und begann, mich auf den Termin vorzubereiten.
Einige Informationen über Milo hatte ich bereits vom Verein bekommen. Ich wusste unter anderem, dass er ein Kromfohrländer-Mix war. Deshalb las ich ein wenig über die Rasse nach. Das tat ich allerdings nicht mit dem Gedanken, beim Termin nach typischen Rasseeigenschaften zu suchen, sonder als Hilfe zur Einordnung meiner späteren Beobachtungen.
Für mich sollte entscheidend sein, welchen Hund ich tatsächlich vor mir hatte.
Was möchte ich über einen Hund wissen, der neu vermittelt werden soll?
Zur Vorbereitung bekam ich vom Verein einen Fragebogen. Einige Punkte konnte ich später selbst beobachten, bei anderen war ich auf die Informationen der bisherigen Menschen angewiesen.
Mich interessierte zum Beispiel, wie Milo auf eine fremde Person reagiert. Nimmt er von sich aus Kontakt auf? Lässt er Berührungen zu? Wie verhält er sich draußen und wie gut ist er dort ansprechbar? Auch Dinge wie Leinenführigkeit oder bereits bekannte Signale konnte ich mir während des Termins selbst anschauen.
Andere Fragen ließen sich bei einem einzelnen Besuch nicht einfach beobachten. Dazu gehörten zum Beispiel die Grunderziehung allgemein, Jagdverhalten, Hundebegegnungen oder Erfahrungen aus dem bisherigen Alltag, hier insbesondere das Thema Alleinbleiben. Hier waren die Schilderungen der Familie wichtig.
Mir ging es dabei nicht darum, möglichst viele Häkchen auf einem Formular zu setzen. Am Ende sollte für den Verein ein möglichst realistisches Bild entstehen. Denn für eine gute Vermittlung ist nicht nur wichtig, was ein Hund schon kann oder wie unkompliziert er wirkt. Genauso wichtig ist, zu wissen, was er mitbringt, was er noch lernen sollte und welche Menschen zu ihm passen könnten.
Der Termin vor Ort
Ankommen und erste Beobachtung
Am Tag des Termins machte ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg. Es war schönes Wetter, der Weg war nicht weit und wie so oft war ich ein bisschen zu früh.
Als ich das Grundstück betrat, hörte ich Milo im Haus einige Male bellen. Noch bevor ich ihn überhaupt gesehen hatte, hatte ich damit schon meine erste kleine Beobachtung gemacht: Er meldete meinen Besuch, verfiel aber nicht in anhaltendes Bellen und beruhigte sich bald wieder.
Da ich noch etwas Zeit hatte, wartete ich zunächst draußen. Kurz darauf öffnete mir der jugendliche Sohn der Familie die Tür. Der Vater, mit dem ich den Termin vereinbart hatte, war beruflich unterwegs und würde sich verspäten.
Der Sohn erklärte sich bereit, meine Fragen zu beantworten und später auch mit mir und Milo eine kleine Runde zu gehen. Also begann der Termin etwas anders als geplant. Doch eigentlich konnte ich schon vor der Haustür anfangen, den Hund kennenzulernen.
Ein kleiner Flummi
Als ich ins Haus kam, hatte Milo sofort großes Interesse an mir. Er kam offen auf mich zu, ließ sich anfassen und ausgiebig streicheln. Er wirkte nicht zurückhaltend.
Ganz im Gegenteil. Er sprang mich mehrfach an und war sichtbar begeistert von meinem Besuch. Irgendwann nannte ich ihn innerlich „meinen kleinen Flummi”.
Trotz dieser überschwänglichen Begrüßung wirkte er auf mich nicht hektisch oder fahrig. Er nahm Kontakt auf, ließ sich gut ansprechen und setzte sich auch auf mein Signal hin.
Ich konnte ihn an verschiedenen Stellen berühren, ohne dass er auswich oder Unsicherheit zeigte. Insgesamt entstand bei mir schon in diesen ersten Minuten das Bild eines offenen, kontaktfreudigen Hundes, der Menschen sehr zugewandt ist.
Draußen entsteht ein weiteres Puzzleteil
Nach den ersten Gesprächen im Haus bat ich den Sohn, mit mir und Milo eine kleine Runde zu gehen. Ich wollte sehen, wie er sich draußen verhält und worauf er in seiner gewohnten Umgebung seine Aufmerksamkeit richtet.
Draußen zeigte sich schnell ein Hund, der sich sehr für seine Umwelt interessierte. Er schnüffelte ausgiebig, beobachtete seine Umgebung und war mit vielen Dingen beschäftigt. Dabei ließ er sich aber gut ansprechen. Auch wenn er gerade intensiv schnüffelte oder etwas beobachtete, reagierte er schnell auf mich.
Während des Spaziergangs stellte ich weitere Fragen. Wie verhält er sich bei Hundebegegnungen? Zeigt er Jagdverhalten? Wie sieht es mit dem Rückruf aus und läuft er überhaupt frei? Auch über seine bisherige Erziehung und das Training sprachen wir.

Während des Spaziergangs zog Milo nicht auffällig an der Leine. Gleichzeitig war mir bewusst, dass eine einzelne kurze Runde nur einen kleinen Ausschnitt zeigt. Für mich entstand deshalb auch draußen kein Urteil aus einer einzelnen Beobachtung. Es kamen vielmehr immer weitere kleine Puzzleteile hinzu, aus denen sich nach und nach ein Bild des Hundes zusammensetzte.
Was ich beobachten konnte – und was nicht
Nicht alles, was für die Vermittlung eines Hundes wichtig ist, lässt sich bei einem einzigen Termin selbst beobachten.
Ein gutes Beispiel dafür sind Hundebegegnungen. Während unseres Spaziergangs trafen wir keinen anderen Hund in einer Situation, die mir eine sinnvolle Einschätzung ermöglicht hätte. Deshalb konnte ich dazu nur festhalten, was mir die bisherigen Menschen berichtet hatten. Nach ihren Angaben gab es bei Hundebegegnungen keine größeren Probleme. Zu Beginn sei Milo häufig aufgeregt und würde gerne zu anderen Hunden hin.
Für mich war wichtig, diese Informationen klar voneinander zu trennen: Was hatte ich selbst gesehen? Was hatten mir die Menschen erzählt? Und was konnte ich nach diesem Termin schlicht nicht beurteilen?
Denn auch ein „Dazu kann ich keine Angaben machen“ gehört für mich zu einer seriösen Einschätzung. Es wäre wenig hilfreich, aus einem kurzen Termin etwas abzuleiten, das ich tatsächlich gar nicht beobachten konnte.
Das Gespräch mit dem Halter
Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, war inzwischen auch der Hundehalter zu Hause. Mit ihm besprach ich noch einmal einige Punkte, die ich zuvor schon mit seinem Sohn angesprochen hatte.
Dabei bestätigte sich vieles von dem, was ich bereits erfahren und teilweise selbst beobachtet hatte. Wir sprachen unter anderem über den Alltag mit Milo, seinen Trainingsstand, Jagdverhalten, Rückruf und das Alleinbleiben. Auch gesundheitliche Themen und seine Ernährung gehörten dazu.
Nach und nach fügte sich für mich ein immer vollständigeres Bild zusammen. Nicht aus einer einzelnen Übung oder einer bestimmten Situation, sondern aus meinen eigenen Beobachtungen, den Gesprächen und dem Verhalten, das Milo während meines Besuchs gezeigt hatte.
Insgesamt war ich etwa eine Dreiviertelstunde vor Ort. Das klingt zunächst vielleicht nicht besonders lang. Für den Rahmen, den ich mit dem Verein vereinbart hatte, konnte ich in dieser Zeit aber viele Informationen sammeln und einen guten Eindruck von dem Hund bekommen.
Meine Einschätzung für die Vermittlung
Am Ende meines Besuchs hatte ich Milo als einen Hund kennengelernt, der mir gegenüber sehr offen und kontaktfreudig war. Er suchte von sich aus den Kontakt, ließ sich gut ansprechen und zeigte sich auch draußen interessiert an seiner Umwelt.
Gleichzeitig gab es einige Punkte, die für ein neues Zuhause wichtig sind. Dazu gehörte zum Beispiel das Anspringen, das bei ihm noch ein deutliches Alltagsthema war. Auch an Rückruf und Grunderziehung könnte weiter gearbeitet werden.
Draußen zeigte er Interesse an seiner Umgebung und brachte auch jagdliche Motivation mit. Deshalb würde ich ihn nicht als Hund beschreiben, der einfach überall frei laufen kann. Einige Dinge könnte er bei seinen neuen Haltern noch lernen.
Trotzdem hatte ich insgesamt den Eindruck, dass er sich gut als Alltagsbegleiter eignen kann. Ich würde ihn eher bei Menschen sehen, die schon etwas Hundeerfahrung mitbringen oder bereit sind, sich Wissen anzueignen und weiter mit ihm zu arbeiten.
Größere Kinder konnte ich mir in seinem neuen Zuhause gut vorstellen. Ein Garten wäre aus meiner Sicht ebenfalls schön, aber entscheidend ist natürlich nicht ein einzelnes Merkmal des Zuhauses, sondern ob Hund und Menschen insgesamt zueinander passen.
Ein bisschen schockverliebt
Ich gebe zu: Nach diesem Termin war ich ein bisschen schockverliebt.
Natürlich war mir bewusst, dass ich Milo nur für eine begrenzte Zeit erlebt hatte. Trotzdem hatte er mich mit seiner offenen und freundlichen Art ziemlich schnell für sich eingenommen. Er war an seiner Umwelt interessiert, gleichzeitig gut ansprechbar und schien einfach gern mit Menschen zusammen zu sein.
Dabei waren die Punkte, an denen noch gearbeitet werden konnte, keineswegs verschwunden. Das Anspringen gehörte genauso zu ihm wie seine jagdliche Motivation und die noch ausbaufähige Grunderziehung.
Aber genau darum geht es bei einer Einschätzung auch nicht: einen möglichst perfekten Hund zu beschreiben.
Mir ging es darum, Milo so weiterzugeben, wie ich ihn erlebt hatte. Mit seinen Stärken, seinen Baustellen und den Dingen, die ich nach diesem einen Termin nicht beurteilen konnte.
Dem Verein schrieb ich anschließend sinngemäß, dass ich ihm von Herzen richtig gute Menschen wünsche.
Nicht nur der Hund
Während des Termins war mir immer bewusst, dass es hier nicht nur um die Einschätzung eines Hundes ging. Da waren auch Menschen, die sich von ihrem Hund trennen mussten.
Ich hatte deshalb damit gerechnet, dass die Situation vielleicht emotional oder schwierig werden könnte. Tatsächlich erlebte ich die Gespräche als offen und unkompliziert. Die Familie beantwortete meine Fragen und gab mir die Informationen, die ich für meine Einschätzung brauchte.
Warum ein Hund abgegeben wird, ist für eine Vermittlung natürlich nicht unwichtig. Trotzdem war es nicht meine Aufgabe, die Entscheidung der Familie zu bewerten. Ich war dort, um mir ein möglichst realistisches Bild von Milo zu machen und dieses dem Tierschutzverein weiterzugeben.
Auch das gehört für mich zu einem solchen Termin: den Hund im Blick zu behalten und gleichzeitig respektvoll mit den Menschen umzugehen, die bisher mit ihm gelebt haben. Hier ist Fingerspitzengefühl und je nach Situation auch eine kleine Prise Humor in der Gesprächsführung von Vorteil.
Warum mir diese Aufgabe so viel gegeben hat
Als ich mich nach dem Termin wieder auf mein Fahrrad setzte, fuhr ich mit einem richtig guten Gefühl nach Hause.
Mir hatte die gesamte Aufgabe richtig viel Freude bereitet. Milo zu beobachten, mit ihm selbst ein paar Dinge auszuprobieren und dabei immer wieder kleine Puzzleteile zusammenzusetzen, lag mir sehr. Genauso gern führte ich die Gespräche mit seinen Menschen und fragte dort genauer nach, wo mir für die Einschätzung noch Informationen fehlten.
Besonders schön war für mich das Gefühl, mit meinem Wissen ganz konkret helfen zu können. Nicht nur dem Tierschutzverein, der den Hund möglichst passend vermitteln möchte, sondern letztlich auch Milo selbst.
Einige Tage später bekam ich vom Verein noch einmal ein großes Dankeschön für meine Einschätzung. Darüber habe ich mich wirklich gefreut. Und spätestens da merkte ich: Das war vielleicht nicht das letzte Mal, dass ich eine solche Aufgabe übernommen habe.
Vielleicht nicht das letzte Mal
Dieser eine Termin hat bei mir etwas angestoßen. Ich kann mir gut vorstellen, künftig häufiger Hunde für Tierschutzvereine einzuschätzen, wenn sie hier aus meiner Umgebung vermittelt werden sollen.
Denn genau diese Mischung hat mir gefallen: einen Hund kennenzulernen, genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und aus vielen kleinen Informationen ein möglichst realistisches Bild zusammenzusetzen.
Wenn du für einen Tierschutzverein arbeitest, hauptamtlich oder ehrenamtlich, und einen Hund in Bad Oldesloe oder der näheren Umgebung einschätzen lassen möchtest, kannst du dich gerne bei mir melden.
Für mich war dieser erste Auftrag jedenfalls eine Erfahrung, die ich sehr gern wiederholen würde.
