Und plötzlich hat er zugeschnappt – Wenn Hunde ihre Menschen beißen

von | 27.10.2022

„Ich wollte meinem Hund doch nur die Leine ins Geschirr einhaken. Ja, er ist zurückgewichen und hat dabei herumgealbert. Aber ich wollte doch mit ihm raus und ihm zeigen, dass es nicht immer nur nach seinem Willen geht. Da hat er mir plötzlich in die Hand gebissen.”

So in etwa schilderte mir eine Kundin einen Beißvorfall am Telefon. Wenn du ein:e erfahrene Hundehalter:in bist, wirst du erkannt haben, dass aus dem Einleitungstext mehrere Faktoren hervorgehen, die schon im Vorfeld darauf hingedeutet haben, dass der Hund eventuell vom Einsatz seiner Zähne Gebrauch machen könnte.

Warum beißen Hunde und warum tun sie das scheinbar oftmals aus heiterem Himmel? Dieser Frage werde ich im nachfolgenden Text auf den Grund gehen. Du erfährst außerdem, was du tun kannst, wenn dein Hund gebissen hat. Hier beschäftigen wir uns insbesondere mit Managementmaßnahmen. Im Anschluss gebe ich dir einen Einblick, wie ich mit Bobby gearbeitet habe. Bobby hat in unserer gemeinsamen Anfangszeit des Öfteren die Zähne gegen uns eingesetzt.

Warum beißen Hunde?

Hunde beißen, wenn sie sich bedrängt oder bedroht fühlen, wenn sie ihre körperliche Unversehrtheit oder die Dinge, die ihnen wichtig sind, in Gefahr sehen. Sie beißen aber auch, wenn sie Abstand einfordern. Wir lesen oder hören häufig, dass Hunde Kinder beißen, die schnell auf sie zugerannt kommen, dass ein Postbote, der das Grundstück betritt, gebissen wird oder dass Hunde die Zähne gegen andere Hunde einsetzen, um ihr Futter zu verteidigen.

Ein Hund, der Schmerzen hat, kann mit beißen oder schnappen abwehrend auf Berührungen reagieren. Auch eine neurologische Erkrankung kann dahinter stecken.

Das sind nur einige Beispiele. Hunde beißen also aus unterschiedlichen Gründen. Doch alle haben eines gemeinsam. Ein Hund, der beißt, steht unter einem sehr hohen Stresslevel.

Der Hund hat gebissen – wirklich plötzlich?

„Eben war noch alles in Ordnung, doch wie aus heiterem Himmel hat er nach mir geschnappt“. Solche Schilderungen höre ich häufiger. Hinterfragt man jedoch die Umstände genauer, wird schnell klar, dass das Zubeißen doch nicht so plötzlich geschehen ist, dass es Anzeichen gegeben hat, die das Beißen quasi ankündigten.

Die Eskalationsstufen der Konfliktsignale

Mir fällt gerade eine Aussage ein, die uns im Alltag immer wieder über den Weg läuft: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ In diesem Satz steckt viel Wahrheit, und selbstverständlich trifft er auch auf unsere Hunde zu. Allerdings reden unsere Hunde nicht den lieben langen Tag lang, sondern sie kommunizieren leise, hauptsächlich über körpersprachliche Signale.

Das Beißen steht an höchster Stufe auf der Eskalationsleiter (siehe Abbildung). Bevor es also zu einem Beißvorfall kommt, zeigt der Hund eine ganze Reihe von Signalen, die vom Menschen entweder übersehen, falsch verstanden oder absichtlich ignoriert werden.

Eskalationsleiter Konfliktsignale

Schauen wir uns die Situation aus dem Einleitungstext noch einmal genauer an. „Der Hund hat herumgealbert“, so die Aussage. Doch in diesem Fall war das, was die Hundehalterin als „Herumalbern“ beschrieben hat, ein eindeutiges Signal des Hundes: „Ich will das nicht!“, hat er damit ausgedrückt. Die Hundehalterin wusste das nicht.

In den meisten Fällen gibt es somit Anzeichen dafür, dass ein Hund die Zähne einsetzten könnte. In den meisten heißt jedoch nicht in allen Fällen. Da wären wir schon nächsten Punkt.

Plötzlich zubeißen – es passiert tatsächlich

Ich lade dich zu einem kleinen Gedankenspiel ein, um dir verständlich zu machen, was mit einem Hund geschehen ist, der plötzlich zubeißt.

Stell dir vor, du triffst nach langer Zeit einen Menschen wieder, den du früher gut kanntest. Der andere möchte eure alte Freundschaft wieder aufleben lassen und sogar ein bisschen vertiefen. Beiläufig berührt er dich an der Schulter. Beim ersten Mal machst du einen Schritt zurück. Doch dieses Signal beachtet der andere Mensch nicht, geht sogar noch einen Schritt weiter und streichelt dir über die Wange. Jetzt erklärst du deutlich, dass du das nicht möchtest und dass er/sie das lassen soll. Doch du wirst in kleinster Weise ernst genommen. „Du warst doch früher nicht so zimperlich, wir sind doch gute Freunde.“ Als die Person dann versucht, dich zu umarmen, reicht es dir. Du trittst ihr mit voller Wucht gegen das Schienbein, gefolgt von einem deutlichen: „Wenn du nicht sofort aufhörst, schreie ich, so laut ich kann um Hilfe“.

Warum beißen Hunde

Einige Wochen später triffst du die Person wieder. Dir ist nicht wohl in der Gegenwart dieses Menschen und prompt geht dieser wieder auf Tuchfühlung. Er legt dir die Hand auf die Schulter. Doch diesmal fackelst du nicht lange und verpasst ihm sofort eine schallende Ohrfeige.

Was ist hier passiert? Du hast aus der ersten Begegnung gelernt, dass Reden nicht geholfen hat. Erst als du zum Angriff übergegangen bist, hörten die Annäherungsversuche auf. Bei der zweiten Begegnung hast du sofort auf diese Maßnahme (körperlicher Angriff) zurückgegriffen, weil es beim ersten Mal das einzige Mittel war, was funktionierte.

Wir können dieses Beispiel eins zu eins auf unsere Hunde übertragen. Ein Hund, der plötzlich zubeißt, hat über einen längeren Zeitraum gelernt, dass ihm andere (mildere) Strategien nichts bringen. Er überspringt in wiederkehrenden und ähnlichen Situationen sämtliche Stufen der Eskalationsleiter, weil nur das Beißen zu einem Ausweg geführt hat (z. B. Abstand zum Auslöser).

Mein Hund hat (mich) gebissen, was kann ich tun?

So schwer es auch ist: Bewahre Ruhe. Es ist weder dir noch deinem Hund geholfen, wenn du als Halter:in und Bezugsperson in Hektik oder Panik verfällst. Analysiere den Vorfall: Wie konnte es dazu kommen, wie waren die genauen Umstände, was könnte der Auslöser gewesen sein usw.

Eigne dir Kenntnisse über das Ausdrucksverhalten von Hunden an. Insbesondere die Körpersprache spielt hier eine sehr bedeutende Rolle. Lerne deinen Hund lesen und nimm Warnsignale, wie etwa Knurren, sehr ernst. Bringe deinen Hund frühzeitig aus der Situation, damit er nicht erneut Erfolg mit dem Beißen haben kann.

Management als Sicherheit

Seien wir einmal ehrlich: Wenn ein Hund gebissen hat, ist bereits Gefahr im Verzug. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Es ist wichtig, dass der Hund möglichst keine Gelegenheit mehr bekommt, das Verhalten zu zeigen. Zum einen macht er bei jedem Schnappen oder Beißen die Erfahrung, dass es funktioniert, zum anderen stellt ein Hund, der beißt, eine Gefahr für seine Umwelt dar. Vom Ärger mit dem Ordnungsamt wollen wir hier gar nicht erst sprechen.

Training ist erforderlich, aber es braucht Zeit. Deshalb solltest du, noch bevor du mit einem Training startest, folgende Maßnahmen umsetzen, um dich und andere nicht zu gefährden:

Gewöhne deinen Hund an einen Maulkorb

Wenn der Hund mit einem Maulkorb abgesichert ist, kann er niemanden verletzen. Ein Maulkorb ist nichts Schlimmes. Vergleiche es am besten mit dem Brille-Aufsetzen oder dem Tragen einer Zahnspange beim Menschen. Ein Maulkorb sollte dem Hund nicht einfach so aufgesetzt werden. Hier im Blog habe ich einen Artikel geschrieben, wie du deinen Hund in 7 Schritten an einen Maulkorb gewöhnen kannst.

Hund mit Maulkorb

Führe deinen Hund an der Leine

Leine deinen Hund an, wenn du mit ihm Spazieren gehst. Die Leine dient als Sicherheit für dich und andere.

Trenne Bereiche im Haus ab

Um z. B. deine Besucher oder deine Kinder zu schützen, kannst du zeitweise für deinen Hund einen Bereich abtrennen. Für diesen Zweck gibt es spezielle Hundegitter. Aber auch hier gilt, setze deinen Hund nicht einfach hinter das Gitter, sondern gewöhne ihn langsam daran.

Training mit positiver Verstärkung – Schritt für Schritt

Wenn dein Hund bereits gebissen hat, rate ich dir dringend, Hilfe bei einer/einem Hundetrainer:in zu suchen. Achte aber bitte darauf, dass diese:r nicht mit Methoden arbeitet, die den Hund ängstigen, erschrecken, unterdrücken oder Schmerzen zufügen. Derlei Maßnahmen haben am Hund nichts zu suchen, auch nicht, wenn dieser gebissen hat.

Bettina

Ich helfe dir gern!

Wenn online Training für dich infrage kommt, oder du in Bad Oldesloe oder Umgebung wohnst, helfe ich dir gern, um deine Herausforderungen mit deinem Hund zu meistern. Nimm gern Kontakt mit mir auf, wenn du weitere Informationen wünschst.

Ein:e gute:r Hundetrainer:in wird eine gründliche Verhaltensanalyse durchführen, mit dir gemeinsam Lösungswege erarbeiten und dich im Training mit deinem Hund anleiten. Dein Hund wird Schritt für Schritt (wieder) andere Strategien erlernen, die besser sind, als die Zähne gegen Menschen oder andere Tiere einzusetzen.

Bobby, alias Schnappi

Damit du eine Vorstellung davon bekommst, wie so ein Training aussehen kann, gebe ich dir an dieser Stelle einen kleinen Einblick, wie ich mit Bobby vor acht Jahren gearbeitet habe. Bobby war ein Kandidat, der in der Anfangszeit häufiger die geschnappt und auch gebissen hat.

Bobby war sehr ängstlich und hatte große Probleme mit Berührungen. Ich habe Bobby gestreichelt, es schien alles in Ordnung, doch plötzlich sprang er auf und schnappte in die Luft. Schlimmer war es bei meinem Mann. Wenn er sich unserem Hund näherte, kam es nicht nur einmal zu kleinen Bissverletzungen. Ich habe gelernt, genauer hinzuschauen und frühzeitig zu erkennen, wenn Bobbys Verhalten zu kippen drohte.

Ich habe sehr viel mit Bobby gearbeitet und Übungssituationen immer so gestaltet, dass Bobby viele Erfolgserlebnisse hatte. Ein Markersignal half mir dabei, Bobbys Emotionen zu verbessern. Und ja, ich habe ihn belohnt, als er das erste Mal „nur“ geknurrt hat. Für den neutralen Beobachter scheint dies zunächst nicht nachvollziehbar. Doch es ist die logische Konsequenz, denn alles an Verhalten ist besser, als zu beißen und mit dem Knurren zeigte Bobby, dass ihm etwas missfiel.

Shaping für mehr Selbstvertrauen

Hunde beißen häufig aus Angst oder Unsicherheit. Das Gegenteil von Unsicherheit ist Selbstvertrauen, und das gilt es bei diesen Hunden zu stärken.

Bei meiner Arbeit mit Bobby habe ich das Shaping eingesetzt. Shaping ist eine Methode, um Verhalten auszulösen. Bei dieser Herangehensweise probiert der Hund aus und erarbeitet sich das Ziel selbst. Belohnt wird jeder Zwischenschritt dorthin. Das bedeutet, viele kleine Erfolgserlebnisse für den Hund. Das wiederum gibt Sicherheit.

Wohlbefinden stärken

Zum Thema Selbstvertrauen passt auch das Thema Wohlbefinden. In meiner Anfangszeit mit Bobby hatte ich noch keinerlei Ambitionen, einmal selbst Hundetrainerin zu werden. Doch schon damals war mir das Wohlbefinden meines Hundes besonders wichtig. Zum Wohlbefinden gehört auch Beschäftigung, die dem Hund Spaß macht. So lernte Bobby recht schnell das Balancieren auf Baumstämmen, verschiedene Übungen auf dem Bodentarget und das Stupsen mit der Nase an die Hand.

Und das Training der Beißsituation?

Da fehlt doch noch was, wirst du nun vielleicht sagen. Wie habe an dem Hauptproblem (Beißen, Schnappen) gearbeitet? Zunächst habe ich gelernt, zu beobachten, genau hinzuschauen. Bobby hat geschnappt, wenn er sich bedrängt fühlte, egal ob von einem Menschen oder von einem Hund. Wie weiter oben schon erwähnt, habe ich anfangs jedes Verhalten, das nicht beißen war, verstärkt, also auch das Knurren und auch das Weggehen. Der folgende Satz ist ganz dabei ganz wichtig:

Hunde dürfen „Nein“ sagen.

Schnappen oder beißen – es gibt Unterschiede

Du als aufmerksame:r Leser:in hast sicher gemerkt, dass ich in meinem Text sowohl das Wort „Schnappen“ als auch das Wort „Beißen“ benutzt habe. Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle noch einmal kurz auf die Unterschiede eingehen.

Schnappen ist kurz, meist einmalig und meist in die Luft. Der Hund kann aber auch kurz in die Hand schnappen, seine Zähne gehen dabei jedoch noch nicht tiefer in die Haut, können aber bereits leichte Verletzungen auslösen.

Beißen ist langanhaltender, oft mehrfach und führt zu leichten Kratzern bis zu lebensgefährlichen Verletzungen. Hier wird auch noch einmal nach Häufigkeit, Größe und Tiefe der Bisswunde unterschieden. Wenn du dich hierüber weiter informieren möchtest, empfehle ich dir diesen Artikel über die Beißgrade nach James O’Heare.

 Schlusswort

Ein Beißvorfall ist zweifellos ein Angriff auf den Körper des Menschen oder eines anderen Tieres. Es ist verständlich, wenn man da Wut und auch Angst empfindet. Gedanken wie: „Dem zeig’ ich jetzt mal wo’s langgeht, er war zu mir auch nicht mehr freundlich.“ sind auch nachvollziehbar. Doch wenn man diese Gedanken in die Tat umsetzt, besteht die Gefahr, schnell in eine Gewaltspirale abzurutschen. Deshalb sage ich es an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich: Auch wenn ein Hund gebissen hat, ist das kein Freifahrtschein, ihn mit Schlägen, Tritten, Strom- oder Würgehalsband und anderen aversiven Methoden zu „trainieren.“

Einer meiner Lieblingssätze lautet: „Ein Hund tut nichts ohne Grund“. Das trifft selbstverständlich auch auf das Beißen zu. Viele Beißssituationen könnten vermieden werden, wenn Menschen genauer hin- und die Signale des Hundes nicht übersehen würden. Kenntnisse der hündischen Kommunikation sind daher aus meiner Sicht Pflichtprogramm für jede:n Hundehalter:in!

Schreibe einen Kommentar, wenn du allgemeine Fragen hast oder über den Blogartikel diskutieren möchtest. Nimm Kontakt mit mir auf, wenn du Hilfe bei einem Problem mit deinem Hund brauchst.

Bitte Beachte: Das Kommentarfeld ist in erster Linie zur Diskussion Rund um den Blogartikel gedacht. Individuelle Fragen, die deinen Hund betreffen, können hier nicht beantwortet werden. Wenn du Hilfe im Alltag oder bei Problemen mit deinem Hund brauchst, nimmt bitte Kontakt mit mir auf.

5 Kommentare

  1. Martin

    Uns ist das leider auch schon passiert;(

    Martin

    Antworten
  2. Ramona Röhrken

    Mein Hund ist aus Berlin nach Wuppertal gekommen bzw hat mein Freund ihn für mich geholt als Unterstützungen zwegs Thema Borderline es hat geholfen ich ging wieder raus und der Hund ist ca 5 Jahre alt ich hatte ihn 6 Wochen ca, alles war gut bis er mich beim spielen auf einmal so Angriff das er mir das Ohr Abriss musste angenäht werden in den Kopf und unter meinem Auge , war ca ne Woche im Krankenhaus wurde operiert und soweiter aber keiner versteht wieso ich ihn behalten habe wenn es jemand interessiert wieso werde ich es erklären und mich gerne austauschen

    Antworten
    • Isabell

      Mich würde sehr interessieren, wie es für euch weiter ging.
      Liebe Grüße
      Isabell

      Antworten
  3. Natalie

    Bitte melden sie sich bei mir

    Antworten
  4. Gundi Fink

    Hallo, wir haben seit 5 Wochen einen Hund aus dem Tierschutz. Er zeigt nun , wie aus dem Nichts , Knurren und Zähne fletschen . Deshalb würde mich ihre Geschichte sehr interessieren . 🩷
    VLG

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